CrowdWater: Mit dem Smartphone Wasserdaten sammeln
Im Citizen Science-Projekt «CrowdWater» der Universität Zürich sammelt die Bevölkerung Wasserdaten via einer eigens für das Projekt entwickelten App. Die Daten sind wichtig, um den Abfluss besser mit Modellen simulieren zu können und damit auch Extremereignisse wie Trockenheit oder Überschwemmungen besser vorherzusagen. Jan Seibert erzählt uns, worum es im Projekt geht, wie man mitmachen kann und wie wichtig die Daten für die Wissenschaft sind.
Autorin: Ursina Roffler
Das Interview wurde schriftlich geführt.
Ursina Roffler: Könntest du kurz zusammenfassen, worum es beim Citizen Science-Projekt «CrowdWater» geht und was die Ziele des Projektes sind?
Jan Seibert: In CrowdWater geht es darum, zu untersuchen, wie die Öffentlichkeit in die Erhebung hydrologischer Daten einbezogen werden könnte. Ganz besonders geht es uns auch darum zu untersuchen, inwieweit durch die Öffentlichkeit erhobene Daten zu besseren hydrologischen Simulationen und Vorhersagen beitragen könnten.
Wie sind Citizen Scientists am Projekt beteiligt und ganz konkret: wie können interessierte Personen mitmachen?
Das ist ganz einfach. Wer mitmachen möchte, kann unsere App installieren. Die CrowdWater App ist für Android und iOS in verschiedenen Sprachen verfügbar, u.a. in allen vier Landessprachen der Schweiz. Mit der App kann man dann Beobachtungen an bestehenden Stationen (‘spots’) vornehmen oder neue Stationen erstellen. In der aktuellen Version der App haben wir sechs verschiedene Kategorien: Wasserstand mit einer virtuellen oder realen Messlatte, Bodenfeuchte, trockenfallende Bäche, Plastikverschmutzung und der allgemeine Zustand eines Gewässers. Auf unserer Website haben wir verschiedene Anleitungen und weitere Informationen zusammengestellt.
Wie informiert und motiviert ihr die Öffentlichkeit, am Projekt mitzuwirken? Hast du Tipps und Tricks für andere Projekte, was besonders gut funktioniert?
Grundsätzlich ist die Öffentlichkeitsarbeit in solchen Projekten unheimlich wichtig, aber auch aufwendig. Viele Leute sind grundsätzlich an Wasser interessiert und möchte mithelfen, Daten zu sammeln. Letztendlich sind es in Citizen Science-Projekten aber oft relativ wenige ‘Super-user’, die den Grossteil der Daten erheben. Daher ist es auch immer schwer zu sagen, was wirklich funktioniert. Kann man einen neuen Super-user gewinnen, lohnt sich auch ein Anlass, der ansonsten vielleicht nicht so erfolgreich war. Ich denke, die Mischung aus persönlichen Kontakten, Social Media und anderen Medien ist gut. Ausserdem ist es wichtig, den direkten Kontakt mit den aktiven Teilnehmenden zu pflegen.
Wenn viele verschiedene Personen Daten sammeln, kommt oft die Frage nach der Qualität dieser Daten auf. Wie stellt ihr sicher, dass die eingetragenen Beobachtungen der Teilnehmenden qualitativ gut sind? Was sind eure Erfahrungen mit dem Thema Datenqualität?
Ja, die Qualität von Citizen Science-Daten wird häufig in Frage gestellt. Unsere Erfahrungen sind da eher positiv. Die Datenqualität ist überwiegend gut, wie wir in verschiedenen Studien feststellen durften. Und dann haben wir noch das CrowdWater Game, mit dem wir die Öffentlichkeit an der Datenqualitätskontrolle teilhaben lassen.
CrowdWater läuft schon seit 2016. Welche Erkenntnisse gibt es bisher?
In der ersten Phase ging es erst einmal darum, das Projekt zu starten, die App zu entwickeln und CrowdWater bekannt zu machen. Dann konnten wir weitere Kategorien hinzufügen. Wir haben in verschiedenen Studien auch auf den potenziellen Wert der erhobenen Daten untersucht. Das ist grundsätzlich recht ermutigend; bei allen Unsicherheiten, zeigt sich doch, dass Citizen Science-Daten einen klaren Mehrwert liefern können. Häufig schlafen Citizen Science-Projekte nach ein paar Jahren wieder ein. Ich denke, es ist sehr wertvoll, dass CrowdWater nun seit vielen Jahren existiert. Dadurch ergeben sich Zusammenarbeiten, die es sonst nicht gäbe.
Was sind die nächsten Schritte des Projekts? Wie wird es weitergehen?
Leider ist es zunehmend schwierig, die langfristige wissenschaftliche Finanzierung zu sichern. Wir werden das Projekt aber sicher weiterführen, je nachdem, mit mehr oder weniger Finanzierung. Aktuell haben wir in Afrika eine spannende Zusammenarbeit aufgenommen und werden uns verstärkt der Vorhersage von Extremereignissen zuwenden. Mit Linnaea hat gerade eine neue Doktorandin in CrowdWater begonnen, nachdem bereits vier Doktorierende ihre Arbeiten im Projekt erfolgreich abschliessen konnten.
Was nimmst du persönlich aus dem Projekt mit?
CrowdWater ist mein Lieblingsforschungsprojekt; es macht einfach Spass und hat uns zu neuen Kontakten verholfen. Ich hätte nie erwartet, dass unser Projekt auch ausserhalb der Schweiz auf so viel Interesse stösst. Wir haben Wasserbeobachtungen auf allen Kontinenten. Besonders spannend finde ich Anwendungen in Südamerika und jetzt auch in Afrika. Es ist auch schön zu sehen, dass unsere App und Daten auf verschiedene Weise genutzt werden, teilweise anders als wir ursprünglich gedacht hatten.
Herzlichen Dank für das Gespräch.
Zu Jan Seibert: Jan Seibert ist seit 2009 Professor für Hydrologie am Geographischen Institut der UZH. Vorher forschte er an verschiedenen Universitäten in Schweden. Seine Forschungsschwerpunkte sind neben Citizen Science die hydrologische Modellierung, Prozesse zur Abflussbildung und die Auswirkungen von Änderungen in Klima und Landnutzung auf Wasserressourcen.